Der Tausendsassa von Grindelwald

Beat Hofer hat vier Berufe, gestresst ist er deshalb nicht. Auch weil er bei allen seine Liebe zur Natur ausleben kann.

„Ich möchte schreiben lernen“, sagt Beat Hofer. Er trägt eine weiße Schürze, Schutzbrille und Staubschutzmaske. Gerade ist er dabei, aus einem riesigen Stein einen Brunnen zu fertigen und verpasst dem Becken den ersten Schliff. Zuvor hat er den Stein mit einer speziellen Kettensäge bearbeitet – Hofer ist Steinkünstler. Neben Brunnen fertigt er auch Waschtische, Obstschalen oder Kerzenständer. Selbstverständlich ist er auch des Schreibens mächtig, nur das mit den Inschriften möchte er noch perfektionieren. „Du musst dafür sehr exakt arbeiten, damit die Schrift schön aussieht.“ Wer Hofer kennt weiß: Er wird es schon noch lernen, hat er sich doch seine anderen Fertigkeiten auch selbst angeeignet.

 

 

Der Reiz des Unbekannten

Während er sein eigenes Haus baute kam ihm die Idee, einen Steinbrunnen für den Garten zu fertigen – wieso also nicht gleich auch die Waschtische im Bad? „Ich hab zuvor nie mit Steinen gearbeitet. Etwas zu machen, das man nicht kennt, ist eine schöne Herausforderung“, erklärt Hofer. „So bin ich da reingerutscht und irgendwie hat mich das Material dann fasziniert, es ist sehr vielseitig.“ Vielseitig ist ein gutes Stichwort, die Arbeit als Steinkünstler ist sein viertes Standbein. Wer ein Auge für Details hat, entdeckt schnell Hinweise auf die weiteren.

Ich hab zuvor nie mit Steinen gearbeitet. Etwas zu machen, das man nicht kennt, ist eine schöne Herausforderung

Auf dem Oberarm seiner Jacke findet sich das Logo von grindelwaldSPORTS, auf der Heckscheibe seines Jeeps liest man den Schriftzug Eigervision – Hofer ist auch Bergführer und Mitinhaber einer Outdoor-Eventagentur. Nur auf jenen Beruf, den er nach der Matura gelernt hat, weist derzeit nichts hin – die Arbeit als Forstwart beginnt erst wieder in einigen Wochen. Für manch einen dürfte die Vorstellung, vier Berufe zu haben, wie ein Albtraum klingen. Hofer vermittelt ein anderes Bild. Er wirkt nicht gestresst, sondern so als wäre es das normalste auf der Welt. Er genießt die Abwechslung. „Nach ein paar Wochen auf Touren freue ich mich richtig auf die Arbeit am Stein oder im Wald, wo ich für mich alleine bin.“

 

Die Natur ist zu schön, um drinnen zu arbeiten

Der gemeinsame Nenner dieser vier Arbeitsbereiche ist dennoch schnell gefunden: die Natur. „In der Agentur mach ich zwar auch ein wenig Büroarbeit, aber nach 2-3 Stunden reicht es mir“, lacht er. Als Sohn eines Bergführers war er schon als Kind oft in der Natur, bewusst wahrgenommen hat er die Schönheit der Region um Grindelwald aber erst später. „Ich glaube nicht, dass einem das als Kind schon so bewusst ist. Ich war einfach gerne draußen.“ An letzterem hat sich bis heute nichts geändert, mittlerweile weiß er aber, dass eine Umgebung wie jene in Grindelwald bei weitem nicht selbstverständlich ist. „Man muss diesen Lebensraum schätzen – und schützen.“

 

Man muss diesen Lebensraum schätzen – und schützen.

In seiner Tätigkeit als Steinkünstler trifft man Hofer oft an Flüssen und Bächen auf der Suche nach Steinen. Er kennt die Gegend und weiß genau, was er wo findet. Vorgegeben werden von seinen Kunden meist nur die Maße und die Gesteinsart, den Rest überlassen sie ihm. Wie das fertige Werke aussehen wird, könne man ohnehin nie genau vorhersagen: „Ich habe am Anfang eine Idee, alles weitere entwickelt sich während des Arbeitens.“ Gerne würde er sich auch mehr Zeit für künstlerische Arbeiten abseits von Gebrauchsgegenständen nehmen – ob er deshalb manchmal darüber nachdenkt, eine seiner anderen Tätigkeiten aufzugeben? „Ja, schon.“ Aber? „Eigentlich möchte ich auf nichts verzichten.“

 

Mehr Infos
www.ausstein.ch

 

 

Text: Matthias Köb // friendship.is
Fotos: Ian Ehm // friendship.is
Quelle: bestofthealps.com